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Boris Bondarew

Im Ministerium der Lügen

Ein russischer Diplomat über Moskaus Machtspiele, seinen Bruch mit dem Putin-Regime und die Zukunft Russlands

(1)

Bestseller Platz 18
Spiegel Hardcover Sachbücher

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Ein noch nie da gewesener Blick hinter die Kulissen der russischen Außenpolitik: Wie arbeitet das russische Außenministerium? Was sind das für Leute und wie denken sie, was veranlasst sie zu handeln? Wie entwickelte sich die russische Außenpolitik bis hin zum Ukrainekrieg, was trieb sie an und welche Mächte waren im Spiel?

Boris Bondarew war einer von sehr wenigen, die aus Protest gegen den Angriffskrieg auf die Ukraine den russischen Staatsdienst unter Teilnahme der Öffentlichkeit quittierten. Über zwanzig Jahre war er in verschiedenen Funktionen im russischen Außenministerium und im diplomatischen Dienst tätig und erlebte die Obrigkeitshörigkeit, Korruption und Inkompetenz in den russischen Behörden.

Er ist Russe und Demokrat, seit seiner Kündigung lebt er unter strengen Sicherheitsvorkehrungen im Exil, und er will zurück – in ein anderes Russland ohne Putin.

Mit einem klaren Blick auf die Gegenwart und scharfer Kritik an der grausamen russischen Aggressionspolitik liefert er hier auch seinen Beitrag zu dem, was jetzt wichtig wird: die richtigen Überlegungen anzustellen, bereit zu sein, Russland und vor allem die russische Bevölkerung auf dem Weg zurück zu einer demokratischen Ordnung zu unterstützen.


ORIGINALAUSGABE
Aus dem Russischen von M. David Drevs
Hardcover mit Schutzumschlag, 256 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-453-21871-0
Erschienen am  14. February 2024
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Rezensionen

Ein Insider-Blick in das Regime von Putin und seinen Gefolgsleuten

Von: Andreas

17.02.2024

Russische Außenpolitik, die zeigt sich seit Jahren in der Person des Außenministers Sergej Lawrow, der mit betont wichtigtuerische Mimik und Gestik vor den Kameras vorbei trottet und dann ungeniert die üblichen Lügen in der Welt verbreitet. Unter Putin hat sich Russland in einen autokratischen Staat nach wahlweise sowjetischen oder faschistischem Muster gewandelt, nachdem es in den 1990ern eine sehr kurze Zeit der Demokratisierung gegeben hatte. Lawrow und damit die Außenpolitik insgesamt folgen treu der aggressiven Politik ihres Präsidenten. Der russische Ex-Diplomat Boris Bondarew schreibt in seinem Buch über dieses Russland der Gegenwart und wie die Ereignisse der letzten Jahrzehnte dazu führten, dass Unterdrückung im Inneren und Gewalt nach außen die Menschen im Griff halten. Im Inneren gibt es kein Recht, auf das man sich verlässliche berufen könnte, wenn man einmal ins Visier irgendwelcher Apparatschiks geraten ist. Der ganze Staat funktioniert ähnlich wie eine riesige Mafiaorganisation: Schutzgeldzahlungen an Amtsträger sind obligatorisch, nützen aber im Ernstfall wenig. Anschuldigungen werden erfunden, um nach Belieben jemanden mundtot zu machen, wenn es einer einflussreicheren Person, als man es selbst ist, gefällt. Viele der beschriebenen Vorgänge lassen sich zwar nicht so einfach direkt verifizieren, jedoch indirekt über Vergleiche mit dem, was allgemein bekannt ist: am Agieren und an den bekannt gewordenen russischen Aktivitäten zeigt sich, wie dieses Putin-Russland funktioniert, Bondarew liefert dazu einige Insiderinformationen. … wurde der „Separatismus“ im Donbass sowie auf der Krim künstlich – und unter aktiver Mitwirkung Russlands – geschaffen. (S.77) Korruption ist eine der tragenden Säulen Russlands, die bekanntlich auch schon unter Jelzin die Plünderungen des Staatsvermögens durch eine kleine Gruppe von besonders gut vernetzten ehemaligen Sowjet-Funktionären, den späteren Oligarchen, ermöglichte. Sehr viel Raum nehmen auch die wirtschaftlichen, militärischen und natürlich außenpolitischen Entwicklungen ein, die in Russland nach dem Ende der Sowjetunion stattgefunden haben: Wie funktioniert die Administration, welchen Einfluss haben die Sanktionen des Westens (jedenfalls weniger als erhofft), die Giftanschläge auf Putin-Gegner, Abstimmungsergebnisse in sowjetischer Tradition, Ausschaltung von Opposition und Presse. Und natürlich die Großrussland-Fantasien, nach denen Putin auf Basis angeblich historischer Rechte am Ende mit dem Angriff auf die Ukraine zum Massenmörder wurde. Wesentlichen Anteil am verzerrten Bild, das in Russland über den Westen entstanden ist, hat auch die Diplomatie. Anstatt reine Fakten in den Berichten nach Moskau zu melden, verfassen die Botschaften in vorauseilendem Gehorsam Meldungen, die Russlands Erfolge überzeichnen und Misserfolge kleinreden. Man will eben nichts schreiben, das Putin und seinen Gefolgsleuten missfällt, denn das könnte zur Versetzung oder Entlassung führen. Lüge wurde unter Lawrow zum vorrangigen Werkzeug der russischen Außenpolitik. Gibt es eine Lösung? Einen wesentlichen Aspekt aller dieser Vorgänge ist das Verhalten der Bevölkerung in Russland. In einer Mischung aus Angst vor Repression, weitgehendem Desinteresse an politischen Vorgängen und die durch andauernde Propaganda in den Medien völlig verdrehte Realität kennen die meisten Menschen nur die eine „Wahrheit“, die Putin und seine Gefolgsleute erfinden. Mit einer umfassenden Demokratisierungsbewegung ist also in absehbarer Zeit wohl kaum zu rechnen. Bondarew beschreibt – und das ist eine gleichsam beunruhigende wie erhellende Analyse – die Vorgangsweise Putins als eine, die an den Vorabend des 2. Weltkrieg erinnert. Der “neue Zar” im Kreml macht den Westen für jeden Eskalationsschritt, den er selbst setzt, verantwortlich und zieht aus ausbleibenden martialischen Reaktionen den vermeintlichen Schluss, immer weitergehen zu können. Erinnerungen an die Appeasementpolitik Chamberlains bleiben da nicht aus. Und noch eine Analogie zwischen Nazideutschland damals und Russland heute gibt es, auf die Bondarew hinweist. Für Putin und seine Freunde ist der Gewinn des Krieges gewissermaßen schicksalhafte Pflicht. Denn mit einer Niederlage würden sie alle ihre Pfründe und die russischen Staatskassen als Selbstbedienungsladen verlieren und würden sich vor allem für ihre Verbrechen verantworten müssen. Mit diesem Buch bekommt man einen sehr kompakten und verständlichen Überblick und eine Erklärung aus der Perspektive eines Mannes, der die Verhältnisse direkt miterlebt hat. Wenn wir Nachrichten aus und über Russland immer nur von Journalisten bekommen, die aus dem Westen dorthin gesendet werden, dann muss zwangsläufig etwas fehlen. Da die Medien in Russland allesamt staatlich gesteuert werden (oder verboten werden), erfahren wir aus diesen Quellen nur das, was Putin und seine Leute mitteilen wollen. Wenn Bondarew am Ende einen Blick auf die Möglichkeiten für einen Frieden und eine mögliche Demokratisierung seines Heimatlandes wirft, dann scheint das alles eher „frommer Wunsch“ als realistische Option zu sein. Dabei würde ein wirklich demokratisches Russland eine enorm bedeutende Rolle auf der Welt spielen können. PS: liest man dieses Buch, dann weiß man, was uns erwarten würde, wenn die Putin-Bewunderer bei uns an die Macht kämen. Viktor Orban macht es in Ungarn ja schon vor mit seiner „illiberalen Demokratie“.

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Vita

Boris Bondarew

Boris Bondarew, geb. 1980, arbeitete 20 Jahre lang für das russische Außenministerium. Nach Stationen als Berater für die Nichtweiterverbreitung von Nuklearwaffen und in den Gesandtschaften in Kambodscha und der Mongolei war er seit 2019 einer der Gesandten der Russischen Föderation beim Büro der Vereinten Nationen in Genf. Am 23. Mai 2022 erklärte er, dass er von diesen Ämtern als Protest gegen die russische Invasion zurückgetreten sei. Diese Invasion sei ein Angriffskrieg. Der Krieg sei nicht nur ein Verbrechen gegenüber den Menschen in der Ukraine, sondern auch ein Verbrechen gegen die russischen Bürger.

Zum Autor

M. David Drevs

David Drevs, geboren 1968, studierte Anglistik und Slawistik. Er lebt und arbeitet als Übersetzer und Dolmetscher in München. Er übersetzte unter anderem Werke von Arkadi und Boris Strugatzki sowie die METRO-Romane von Dmitry Glukhovsky.

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