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Lizzanello, ein beschauliches Dorf, in dem sich alle kennen: Als Anna und Carlo hier 1934 frisch vermählt mit dem Bus aus dem Norden eintreffen, freut sich Carlo, endlich zurück in seiner Heimat zu sein. Doch Anna denkt darüber nach, was für ein Leben sie als Norditalienerin in dem kleinen Ort erwartet, in dem ganz eigene Gesetze herrschen. Allen Widerständen zum Trotz geht Anna mutig und entschlossen ihren eigenen Weg – und bringt als erste Briefträgerin frischen Wind nach Lizzanello. Über zwanzig Jahre lang, erst zu Fuß, dann mit dem Fahrrad, trägt sie die Post aus: Ansichtskarten von Emigranten, Briefe von Soldaten an der Front, Mitteilungen von heimlichen Liebhabern. Und irgendwann muss sie sich fragen, wie lange sie eigentlich noch ihre eigenen Gefühle verbergen kann, die sie seit Jahren für den Bruder ihres Ehemanns empfindet.
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Ich sage immer, dass diese Geschichte mich gefunden hat. Das geschah, als ich zufällig eine Schublade im Haus meiner Eltern öffnete, die seit Jahren unberührt geblieben war. Darin fand ich eine jahrhundertealte Visitenkarte, schwarz-weiß Fotos, Postkarten, Briefe und Dokumente. Sofort dachte ich: hier steckt eine Geschichte, die erzählt werden muss. Also machte ich mich auf die Spur von Anna, meiner Urgroßmutter, und entdeckte während der Recherche über ihr Leben eine außergewöhnliche Frau. Eine Frau, die in ihrer kleinen Welt eine wahre Revolution vollbrachte, indem sie Italiens erste Briefträgerin wurde und damit eine Tätigkeit übernahm, die bis dahin ausschließlich Männern vorbehalten war. Den entscheidenden Anstoß, den Roman zu schreiben, bekam ich, als ich erfuhr, dass Anna auf ihrem Sterbebett diese Worte gesagt hatte: „Ich möchte nicht vergessen werden.“ Mein Roman ist mein Weg, dieses Versprechen zu halten, Annas Geschichte vor dem Vergessen zu bewahren und ihr die Anerkennung zurückzugeben, die sie zu Lebzeiten nicht erhalten hat.
Die wichtigsten Quellen waren neben dem Material aus der Schublade die mündlichen Erzählungen meiner Familie und der Dorfbewohner, die Anna kannten. Ich sammelte viele Zeugnisse und Anekdoten, bis sich ein vollständiges Bild ihres Lebens und der Gesellschaft, in der sie lebte, ergab. Da Anna und Carlo meine Urgroßeltern waren und Roberto mein Großvater – also reale Menschen im Gegensatz zu den anderen rein fiktiven Figuren – legte ich besonderen Wert darauf, die von ihnen inspirierten Charaktere sorgfältig auszuarbeiten. Es ist ein ständiger Balanceakt zwischen dem, was historisch treu bleiben muss, und dem, was fiktionalisiert werden kann. Aus realen Menschen wurden so literarische Figuren.
Als sie in das Dorf kommt, wirkt Anna wie ein Farbfoto in einer schwarz-weißen Welt. Sie ist gebildet, belesen, hat eine Vergangenheit als Lehrerin und stärkt sich gerade durch ihre Bildung – die es ihr ermöglicht, den Wettbewerb zur Briefträgerin zu gewinnen und die rückständige, chauvinistische Gemeinschaft, in der sie landet, zu überraschen. Viele versuchen, sie zu entmutigen, weil sie es für Wahnsinn oder gar einen Skandal halten, dass eine Frau einen Männerberuf ausübt. Als Carlo, ihr Mann, ihr sagt, dass es keine weiblichen Briefträger gäbe, antwortet Anna stolz: „Bis jetzt.“ In diesem „bis jetzt“ steckt die gesamte Bedeutung ihrer Geschichte. Anna ist eine Feministin, eine Frau ihrer Zeit weit voraus, die den Weg für alle ebnete, die nach ihr kamen. Sie setzt sich für das Frauenwahlrecht ein, trägt als erste im Ort Hosen und erkennt mit der Gründung des „Frauenhauses“, dass Freiheit und Befreiung von Frauen ohne wirtschaftliche Selbstständigkeit, Bildung und gegenseitige Unterstützung unmöglich sind. Das war für mich die wichtigste Erkenntnis ihrer Geschichte: der Wert von Schwesternschaft als Weg zu voller Freiheit und gleichen Rechten.
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