Ein großer literarischer Wurf: Michael Kleebergs Hemingway-Roman als aufregendes Spiel mit Realität und Fiktion
Was macht einen Jungen zum Mann? Was macht einen Mann zum Schriftsteller? Und was macht einen Schriftsteller zur Ikone eines ganzen Jahrhunderts? – Das sind die Fragen, die den Helden des Romans „auf der Suche nach Hemingways letztem Geheimnis“ umtreiben. Sein Name: Michael Kleeberg. Im Nachzeichnen einer faszinierenden Künstlergeschichte wird dieser zum Schöpfer seiner eigenen Identität – als Hemingway-Forscher mit Leib und Seele.
Er war ein Draufgänger in jeder Hinsicht, ein Charmeur und ein Poseur. Eine Legende, ein Idol, ein Revolutionär des Stils. Seine Präsenz, wenn er zur Tür hereinkam, war überwältigend. Und: Der Zauber seiner Person übertrug sich auf seine Literatur. Doch hinter dem bewunderten Kultautor stand ein Getriebener, einer, der sich stets beweisen musste. Hemingway verlangte nicht nur sich selbst, sondern auch anderen das Letzte ab. Allen, die ihm nahekamen, drohte die Gefahr, von seiner Legende angesteckt und zersetzt zu werden, so letztlich auch der Erzähler dieses Romans. – Mit einer raffinierten autofiktionalen Volte setzt sich der Schriftsteller Michael Kleeberg auf die Spur des überlebensgroßen Kollegen, der als meisterlicher Erzähler, Lebemann und Abenteurer weltweit Kultstatus erlangt hat. In dem Vorsatz, nein: in der Obsession, sich dem Idol anzuverwandeln, schafft er sich durch fabulierende Neuerfindung eine eigene Identität. Und kommt dabei Hemingways Geheimnis ganz nahe.
Ausgabe:
Hardcover, mit Schutzumschlag, 336 Seiten, 13,5x21,5cm
Erschienen am:
27.05.2026
ISBN:
978-3-328-60276-7
Auflage/Ausgabe:
Originalausgabe
Verlag:
Penguin
Lieferstatus:
lieferbar
Michael Kleeberg
Michael Kleeberg, 1959 in Stuttgart geboren, studierte Politische Wissenschaften und Geschichte. Nach Aufenthalten in Rom und Amsterdam lebte er von 1986 bis 1999 in Paris. Heute arbeitet er als freier Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Für sein literarisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. 2008...
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Interview mit Michael Kleeberg zu »Achilles in Taormina«
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Herr Kleeberg, wann trat Ernest Hemingway in Ihr Leben, und wer waren Sie zum damaligen Zeitpunkt?
Das kann ich genau sagen: Es war im Frühjahr 1976. Ich war ein 16-jähriger Gymnasiast und gerade aus Böblingen in einen noblen Hamburger Vorort gezogen. Dort fand ich einen Freund, Joachim, der literaturbegeistert war, und mit dem ich begann, mich querbeet in die Weltliteratur einzulesen. Aufgrund unseres Alters und unserer Träume – wir wollten von Hamburg aus auf große Fahrt gehen, in Kanada als Holzfäller arbeiten, vielleicht zur Fremdenlegion – begannen wir mit dem, was wir für Abenteuerliteratur hielten. Die ersten Bücher, die dieser Joachim mir präsentierte, waren Jack London, B. Traven, »Das Feuerschiff« des Hamburgers Siegfried Lenz – und eben Hemingway.
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Was verbinden Literaturbegeisterte heute landläufig mit Ernest Hemingway?
Da muss man, glaube ich, unterscheiden zwischen Deutschland und den USA. In Deutschland haben vor allem ältere Leser noch eine Erinnerung an Hemingway, meistens an die Lektüre von »Der alte Mann und das Meer«. Ansonsten überwiegen die alten Klischees vom Säufer, Macho, Großwildjäger. Da kann mein Roman vielleicht mithelfen, diese Klischees aus dem Kopf zu bekommen.
In den USA ist die Lage ganz anders. Zunächst hat Hemingway, dessen Romane ja fast durchweg nicht in Amerika spielen, seinen Landsleuten einen Begriff von der Alten Welt, von Lebenskultur und Lebensgenuss nahegebracht und zugleich eine neue Interpretation der Outdoor- und Pionierkultur geliefert. Seit 1986 und der Veröffentlichung von »Der Garten Eden« sind ganz neue Facetten in Hemingways Persönlichkeit und Schreiben entdeckt worden, die Hemingway anschlussfähig für eine moderne Sicht auf Männlich-Weibliches machen. Hier setzt mein Roman an.
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Ihre Hauptfigur im Roman heißt Dr. Michael Kleeberg. Sie fiktionalisieren sich selbst als Hemingway Aficionado. Warum?
Der Name ist zunächst einmal als ironisches kleines Spiel mit der grassierenden Mode der Autofiktion gemeint. Der Unterschied ist, dass hier zwar mein Name ins Spiel kommt, aber eben in Verbindung mit einer erfundenen Person und einem erfundenen Lebenslauf. Der Erzähler des Buches ist ein Hemingway-Forscher, aber er wäre der erste in der Reihe von (real existierenden) Hemingway-Forschern, bei denen sich das Interesse für die schriftstellerische Kunst nicht mit einer Faszination für das Leben gemischt hätte. Es ist quasi unmöglich, neutral und völlig objektiv über Hemingway zu schreiben. Die Faszinationskraft ist so groß, dass noch jeder Biograf, wie es irgendwo im Buch heißt, »am liebsten dabeigewesen wäre«.
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Ist »Achilles in Taormina« die Erosion eines Heldenbildes?
Man müsste sehr jung oder sehr naiv sein, um in Hemingway jemals einen Helden gesehen zu haben, auch wenn er selbst sich gern in seinen späteren Jahren als solchen stilisiert hat. Nein, das Buch ist die Erkundung eines zutiefst widersprüchlichen und facettenreichen Charakters: ein Bücherwurm und Kunstsammler, der sich als Jäger inszenierte; ein Macho, der im Bett mit Vorliebe eine weibliche Identität annahm; ein muskulöser He-Man, der so ungeschickt war, dass ihm im Laufe seines Lebens unzählige Unfälle passierten; das Bild eines Naturburschen, der Monate seines Lebens mit Halsentzündungen und anderen Wehwehchen im Bett verbrachte; ein Verächter der intellektuellen Szene, der selbst einer der belesensten Intellektuellen seiner Zeit war. Und so weiter.
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5. Könnte man so weit gehen und behaupten, dass Ihr Roman anhand von Hemingways »Thronsturz« einen allgemeinen Beitrag leistet, ein bestimmtes Männerbild zu dekonstruieren?
Wenn es jemals so etwas wie einen »Thronsturz« Hemingways gegeben hat, dann fand der in den späten vierziger und fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts statt, als in den USA eine neue Generation von Schriftstellern wie Norman Mailer, Saul Bellow, J.D. Salinger, Jack Kerouac oder Truman Capote auftauchte und Hemingways Selbstdarstellung plötzlich unfreiwillig komisch wirkte.
Interessanter ist ein Phänomen, das ähnlich auch Thomas Mann erlebt hat: Als dessen Homosexualität posthum immer deutlicher wurde, wurde er plötzlich für Leute interessant, die ihn bis dato für die Inkarnation bürgerlicher Langeweile gehalten hatten. Und seit in den Neunzigern Hemingways fetischistische und androgyne Neigungen publik wurden, begannen plötzlich die Gender Studies, sich für ihn zu interessieren. Heutzutage gibt es keinen Text mehr über Hemingway, der nicht diese neuen Erkenntnisse miteinbeziehen würde. Auch mein Roman profitiert erheblich von diesem Wissen.
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In Ihrem Roman unterhält Hemingway viele Verbindungen nach Deutschland. Wieder ein Mix aus Verbürgtem und Erfundenem – oder tatsächlich wahr?
Das ist wahr, und es geschieht in meinem Roman, glaube ich, tatsächlich zum ersten Mal, dass der Fokus auf diese Verbindungen gelegt wird, für die sich bis dahin niemand wirklich interessiert hat. Hemingways erste große Liebe im Ersten Weltkrieg, seine zweite und seine dritte Ehefrau – alle deutschstämmig. Die erste Zeitschrift, die seine Erzählungen druckte: »Der Querschnitt« aus Berlin. Die erste Theateradaption eines seiner Romane: 1931 in Berlin, geschrieben von Carl Zuckmayer.
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Ihre Romanfigur geht der Frage nach, ob Hemingway und Ernst Udet sich wirklich kannten. Warum spielen Sie mit dieser Idee?
Hemingway war ein großer Heldenverehrer, der nichts mehr bewunderte als intellektuelle und künstlerisch begabte Männer der Tat und Soldaten. Und so gesellte sich zu den Helden seiner Jugend – Theodore Roosevelt, Gabriele D’Annunzio und Lord Byron – später auch, wie in seinem Werk mehrmals erwähnt wird, Ernst Udet dazu.
Verbürgt ist, dass es einen Kontakt zwischen den beiden gegeben haben muss: Hemingway buchte im Winter 1925/26 bei Udet einen Flug von München auf die Silvretta (Gebirgsgruppe in den Ostalpen; Anm. Red), von wo aus er mit mehreren Freunden eine Bergtour und anschließende Gletscherabfahrt machen wollte. Udet war damals der Einzige, der wohlhabenden Kunden solche Gepäckflüge aus München anbot.
Weitere mögliche Begegnungen, etwa durch den gemeinsamen Freund Carl Zuckmayer in Berlin, sind nicht verbürgt, aber recht wahrscheinlich. Weil der letzte Beweis fehlt, diese potenzielle Begegnung oder gar Freundschaft aber sehr viel in Hemingways Charakter erklären hilft und perfekt zu ihm passen würde, habe ich das, was nicht zu beweisen ist, dazu erfunden.
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Der Roman steuert in Taormina auf einen homoerotisch gefärbten Höhepunkt zu und betont Hemingways Wohlsein in Männerrunden. Welche neue Perspektive auf Hemingways Empfindsamkeit und Verletzlichkeit eröffnet dieser Zugang?
Ich würde diesen Moment nicht homoerotisch nennen wollen, sondern »homosozial«. Das soziologische Konzept der »Homosozialität« ist revolutionär für die Gender-Forschung und erklärt die jahrhundertealte und immer noch virulente Präferenz der Männer für ihr eigenes Geschlecht in allen Bereichen – vom Beruf bis zum Privatleben – und die daraus folgende Unterdrückung der Frauen. Homosozialität ist auch für die Emanzipationsforschung ein Schlüsselbegriff geworden.
Und zu allem Überfluss erklärt sie ungeheuer viel an Hemingways Leben.
In dem Punkt, auf den Sie hinauswollen, wird mit Homosozialität – eher als mit Homoerotik – ein Schlüsselmoment von Hemingways jungem Leben erklärt.
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Ihre Forscher-Figur Kleeberg postuliert, dass Hemingways Ton über Jahrzehnte nachhallt und Generationen beeinflusst. Tut er das auch noch in unserer realen Gegenwart – und wo finden Sie Belege?
Es ist unbestreitbar, dass Hemingway zu den großen Erneuerern der Prosa im frühen 20. Jahrhundert zählt. Zusammen mit James Joyce, Virginia Woolf, Ezra Pound und T.S. Eliot führte er die angelsächsische Literatur in die Moderne. Wohlgemerkt ist seine Revolution eine rein sprachlich-stilistische. Als Roman-Psychologe kann er mit den Meistern des Fachs wie Dostojewski, Thomas Mann oder Proust nicht mithalten.
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Fantasieren wir kurz: Wenn Sie Ernest Hemingway treffen könnten, zu welcher Zeit und an welchem Ort wäre das?
Oh, das ist schwierig! Erstmal die Ausschlusskriterien: Beim Tiereerschießen und Schwertfischangeln muss ich nicht dabei gewesen sein. Paris kenne ich besser als er – der die Stadt zwar poetisch beschrieben hat, aber de facto mit Frankreich und den Franzosen nichts am Hut hatte. Ich glaube, ich hätte gern mit dem Intellektuellen Hemingway über Bücher und über Kunst geredet, beispielsweise über El Greco oder Hieronymus Bosch. Ich hätte aber zugegebenermaßen auch gerne mit ihm in Pamplona beim Wein unter den Arkaden gesessen, während um uns herum die Fiesta von San Fermín tobt, denn er war eine unvergleichliche Bereicherung jeder Tischrunde. Oder an einem Winterabend nach einer langen Skitour bei Braten und Kirschwasser in der Gaststube des Hotels Taube in Schruns – und wir beide fantasieren darüber, wie wir die Welt der Literatur erobern.